Kontingenz meint - mit dem Literaturwissenschaftler David E. Wellerby, dass das Eintreten eines Ereignisses nicht aus einem System oder einer allgemeine Ordnung ableitbar ist und dass die Singularität dieses Ereignisses nicht in einer wiederholbaren Funktion aufgeht. In Bezug auf die Handlungen des Subjekts – und das ist ihre hier interessierende Form - bedeutet Kontingenz dann, dass das Ereignis des Gelingens von Vollzügen nicht aus der Ordnung subjektiven Könnens herstell- oder ableitbar ist. Als solche ist Kontingenz ein unleugbarer Bestandteil unserer alltäglichen Erfahrung: obwohl (oder weil) wir unser Wissen, Wollen und Können investieren, um eine Handlung gelingen zu lassen, kommt es immer wieder vor, dass sie scheitert, dass Pläne nicht oder anders als intendiert aufgehen, dass Handlungen, die aus bester Absicht getan werden, nur Unheil anrichten… Wir können das Gelingen von Handlungen nicht wissent- und willentlich herstellen. Es besteht, so fasst der Philosoph Christoph Menke diese Erfahrungen zusammen, eine Differenz zwischen dem Können eines Subjekts und dem Gelingen seiner Vollzüge. Diese qua Erfahrung evidente Differenz von Können und Gelingen wird philosophisch (und theologisch) interessant, wenn man sie nicht nur als ärgerliches bis tragisches Defizienzphänomen versteht, sondern auf ihr Potenzial zur schöpferischen Transformation und Transgression subjektiver Vollzüge reflektiert. Gerade weil das Gelingen unserer Vollzüge nicht aus unserem Können herstellbar ist, so der Kerngedanke, können sie über das hinausgehen, was wir herzustellen imstande sind und dadurch gelingen in einem nicht nur konventionellen, sondern emphatischen Sinn. In dem Seminar soll die produktive Kraft der Kontingenz anhand der dekonstruktiven Vermögensanalysen Jaques Derridas zunächst erschlossen und dann anhand von Texten Christoph Menkes in ihren subjekttheoretischen und mit Thomas Pröpper und anderen in ihren theologischen Konsequenzen reflektiert werden.