Die Veränderungen des klinischen Alltags durch die ethischen Herausforderungen der modernen Medizin wurden zunächst in der Medizin- und Bioethik, mittlerweile auch in der Pflegeethik aufgenommen. Eine professionalisierte Ethik in der Klinikseelsorge ist bisher aber noch ein Desiderat. Dies ist umso bedeutsamer, als gerade die KlinikseelsorgerInnen in ethischen Konfliktfällen in der Klinik Ansprechpersonen für PatientInnen, Angehörige und Klinikpersonal sind. Zudem arbeiten sie meist in den klinischen Ethikkomitees mit, die seit einigen Jahren nach amerikanischem Vorbild in vielen Kliniken eingerichtet werden – in vielen Fällen sogar federführend. Neben der seelsorgerlichen ist so auch insbesondere ihre ethische Kompetenz angefragt. Als TheologInnen haben KlinikseelsorgerInnen eine ethische Grundbildung, die aber nicht unbedingt eine medizinethische ist, wie sie von ihnen im klinischen Setting verlangt ist. Hier soll über das Angebot von Fortbildungen, Workshops und langfristig die Etablierung eines berufsbegleitenden Masterstudiengangs ein Beitrag zur Qualitätssicherung der (medizin-)ethischen Ausbildung von KlinikseelsorgerInnen geleistet werden. Da KlinikseelsorgerInnen verstärkt auch gebeten werden, den Aufbau von klinischen Ethikkomitees in die Hand zu nehmen, sollen über das Projekt Strukturen aufgebaut werden, die dafür Hilfestellung geben können und Anlaufstellen für konkrete Fragen bei der Einrichtung von Ethikkomitees anbieten. Außerdem sollen Materialien erstellt werden, die KlinikseelsorgerInnen Grundlagen für die klinisch-ethische Arbeit bieten können, wie z.B. eine ökumenische Broschüre zu klinischen Ethikkomitees in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Ethik in der Medizin am Markuskrankenhaus in Frankfurt am Main, aber auch medizinethische Materialien, die auf den Berufskontext der KlinikseelsorgerInnen ausgerichtet sind.

Neben medizinethischen Fragestellungen sind außerdem ethische Fragen zu bearbeiten, die mit dem Berufsbild zu tun haben: Verändert sich das Berufsbild durch die zunehmend auch spezifisch ethische Arbeit? Welche Rolle übernehmen KlinikseelsorgerInnen in klinischen Ethikkomitees? Inwiefern ergeben sich aus der doppelten Rolle (SeelsorgerIn/ Mitglied im klinischen Ethikkomitee) Konflikte? Gibt es berufsspezifische ethische Fragen, die das Verhältnis von SeelsorgerIn und PatientIn betreffen (analog zum Arzt-Patienten-Verhältnis, z.B. hinsichtlich von Asymmetrie und Abhängigkeiten)? Wie verhalten sich religiöse Überzeugungen und ethische Urteile zueinander und was bedeutet das insbesondere für ethische Beratung in einem kultur- und religionspluralistischen Kontext? Zu solchen und ähnlichen Fragen und um grundsätzlich herauszufinden, welche besonderen ethischen Implikationen mit dem Kontext der Klinikseelsorge verbunden sind, ist Forschungsarbeit im Bereich „Ethik in der Klinikseelsorge“ notwendig, die Aufgabe des Projektes ist.

Das Projekt beinhaltet eine transatlantische Kooperation mit einer Gruppe der Harvard Divinity School und ist insgesamt interdisziplinär (auch interreligiös) angelegt, insofern daran WissenschaftlerInnen aus verschiedenen Fachbereichen (Theologie, Medizin, Medizinethik, Philosophie, Psychologie) sowie KlinikseelsorgerInnen beteiligt sind.